Donnerstag, 17. Juni 2021

Landnahme in Kuan Fatu - Die Dichtung


Vorbemerkung

Dieser mit Abstand längste Text der Kuan Fatu-Chronik, er umfasst 372 Verse, ist die zuletzt vorgetragene Tonis-Dichtung des Historiker-Seminars von Nai Lete. Erwägt man die vielen Verse sowie die in mehrere leicht erkennbare Textsegmente gegliederte Dichtung, entsteht der Eindruck, dass es sich um vier Einzeldichtungen handelt, die aus dem Grund ans Ende zu kommen, in einem Text versammelt wurden. Die Tonis-Dichtung Das Land Kuan Fatu (Dichtung und Erzählung) behandelt bereits die territoriale und politische Struktur sowie die Grenzen der Sub-Territorien von Kuan Fatus politischen Gruppen (kanaf, Namengruppe), die diese Territorien kontrollierten. Im Unterschied dazu bezieht sich diese Dichtung explizit auf vier individuelle Namengruppen. Eine parallele Lektüre dieser Dichtung erhellt manches Detail des vorliegenden Texts, das ich in diesem Kontext nicht wiederhole.
Der vorliegende Text berichtet von weiteren Migrationen in den Lamu, und der damit verbundenen Bitte der Neuankömmlinge an die Herren des Bodens um Siedlungsland. Er überliefert auch die Geschichte vier weiterer Verbündeter der politischen Allianz Kuan Fatus, erzählt von der rituellen Übertragung des Landes, von allianzstiftenden Heiraten und den dazu notwendigen Tauschtransaktionen. Er bezieht sich auf Episoden aus der regionalen Geschichte der Namengruppen Na`at, Sakan, Nubatonis und Bianome, von ihrer Begegnung mit den Herren und Krieger-Kopfjägern des Landes, den Nai Lamu und Meo Lamu Ton, Finit, Babis und Sapai, sowie von ihnen übertragenen Funktionen für die Polis.
J.Ch. Sapay trug diese Dichtung in der Nacht vom 14. Februar 1992 unter dem großen Lopo von Nai Lete vor. Bevor er die politischen Beziehungen legitimiert, die zwischen den beteiligten Namengruppen bestehen, ihren Ursprung und ihre historische Relevanz erläutert, knüpft er erneut an das grundlegende Thema der Kuan Fatu-Chronik an: an die Berufung und Einsetzung der Krieger-Kopfjäger Banams (Meo Naek Banam) durch Tubani Nope, bechränkt sich in diesem Zusammenhang allerdings auf die Namengruppen Babis (Sole) und Nabuasa`.
Bedauerlicherweise reichte die Zeit, die mir die indonesische Administration für eine ausführiche Bearbeitung dieser Dichtung ließ nicht aus, und ich musste ausreisen, bevor alle Interviews und Exegesen möglich waren. Diesem Sachverhalt ist es auch geschuldet, dass die Geschichte dieser vier Namengruppen nicht vertieft werden konnte, sodass nur wenige Details ihrer sozialen und politischen Beziehungen mit den Herrschern Kuan Fatus in Erfahrung gebracht werden konnten. Leider trägt dieses Mal auch die umgangsprachliche Erzählung wenig zu diesem Thema bei.