Dienstag, 28. April 2020

Der Sonba`i-Krieg - Die Erzählung


Vorbemerkung

Die mündliche Dichtung über den Krieg, den Tubani Nope gegen den Sonba`i führte (Makenat Sonba`i), den Herrscher in Molo und Miomafo, Pai Neno und Oenam, bildet in den Überlieferungen der Kuan Fatu-Chronik den dritten Expansionskrieg zur Gründung des vorindonesischen Banams. Musa Leni Seo hat die Tonis-Dichtung dieser Überlieferung in der Nacht zum 11. Februar 1991 im großen Lopo von Nai Lete, Kuan Fatu, Südamanuban, als eine umgangssprachliche Erzählung zusammengefasst, als einfache Geschichte, die es dem uneingeweihten Leser erleichtert, den Inhalt der gleichnamigen Dichtung von J.Ch. Sapay besser zu verstehen. Bei dem Vergleich der beiden Versionen fallen Widersprüche auf, die an entsprechender Stelle kommentiert werden. Diese Widersprüche werfen aber ein interessantes Licht auf die Entstehung regional historischer Überlieferungen im oralen Kontext, die immer nur als klanzentrische Versionen existieren, und da sie nur in der Situation des Vortrags existieren, nicht widerholbar sind. Keine Version gleicht ganz genau der anderen, selbst die nicht, die vom selben Dichter-Sprecher zum selben Thema zu einer anderen Zeit komponiert wird.
Seo ist der mafefa, der, der einen Mund besitzt, der offizielle Sprecher von Charles Zeth Babys, des amtierenden Usif von Kuan Fatu, und Analphabet. Doch als Mafefa, sollte man annehmen, bestens mit der Geschichte der Namengruppen Kuan Fatus vertraut, deren Sprachrohr er ist. Sapay dagegen ist Autodidakt, akademisch gebildet und war zeitlebens als Grundschullehrer tätig, politisch aktiv und leidenschaftlich engagiert in der Bewahrung der historischen Überlieferungen seiner Kultur. Seo war während meiner Anwesenheit in Amanuban letzter Bewahrer esoterischen Wissens in einer Reihe von Überlieferungsträgern, die ihre Kompetenz und ihr Wissen durch die jahrelange Begleitung ihrers Vorgängers erworben haben. Sapay ist ein wissenschaftich orientierter Forscher und Historiker.
Ich will diese beiden Zugangsweisen, kulturelles Wissen zu bewahren und zu tradieren, an dieser Stelle nicht bewerten, sondern ledigich darauf aufmerksam machen, in welchem praktischen Rahmen sich mündliche Überlieferung in Amanuban vollzieht. Es ist eine offene Frage, und stete Sorge der sich ihrer ethnischen Identität bewusst geworden Atoin Meto, dass der weitaus größte Teil der Funktionäre wie Leni Seo keinen Nachfolger mehr haben werden, und die Zeit drängt, die historischen Überlieferung der Atoin Meto, nicht nur Kuan Fatus, sondern Westtimors, zu verschriftlichen.

Der Sonba`i-Krieg

Einst stand der Palast (sonaf) der Nope-Dynastie nicht in Banam, sondern auf dem Gebiet des Sonba`i in Molo und Miomafo, Pai Neno und Oenam. Dem Herrscher in Molo war dies ein Dorn im Auge, ein landrechtliches Problem, und er sprach:
„Muss das Zuckerrohr zwei Gärten haben, muss die Banane in zwei Gärten wachsen. Dem kann ich nicht länger zustimmen, denn das Land ist Oematans Besitz, denn es gehört Ni Bel Oematan. Es ist sein Land und sein See (sin pah ma sin nifu)“.
Wir konnten mit dem Sonba`i keine Übereinkunft über den Landbesitz treffen, sodass wir Krieg gegen ihn führen mussten, hingingen, und zusammen mit Ni Benu seine Festung (Sonba`i in kot) in Kaunik zerstörten. [1]
Wir brachen auf, und Ni Benu wollte sich einen Namen machen. Er nahm einen Behälter (tuke), gefüllt mit Essen mit auf den Feldzug. Als sie in Kaunik ankamen, umzingelten sie dort Sonba`is Festung, während Ni Benu eins der Tore bewachte. [2]
Nun kam es dazu, dass Ni Bel den Behälter von Ni Benu an sich nahm und ihn mit den Worten zurückgab:
„Ich nehme dein Essen an mich, während du Wache hältst.“ [3]
Ni Benu bewachte die Feinde Nopes, die aus dieser Tür hinaus wollten, um sie zu erschießen, und er achtete nicht auf den Behälter; er achtete nur auf diese eine Tür. Deshalb bemerkte er den Hund des Sonba`i nicht, der die Festung verließ, der herauskam und Benus Behälter als seine Beute fortschleppte.
Ni Benu jagdte den Hund, verfolgte ihn durch die Festung, was großen Lärm verursachte, und den Krieg verhinderte. Später kamen sie jedoch zurück, aus dem Hinterhalt, und kämpften erfolglos mit Ni Tani Finit. Zusammen mit Ni Sobe Oematan legten sie das Versprechen ab, keine Köpfe mehr zu ernten. Gemeinsam tauschten sie Betel aus, worauf Ni Sobe Oematan sich erhob und auf den Weg machte. Ni Tain Finit brach sein Versprechen Oematans Kopf nicht abzuschneiden, verfolgte ihn und kam mit Ni Sobe Oematans Beteltasche zurück. [4]
Unsere Großväter bewachten die Festung des Sonba`i weiter, um sie immer wieder anzugreifen. Dort trafen sie auf Ni Tain Suan, der einen magischen Kriegsruf (ne) formulierte, um sie aufzuhalten: „Der männliche Tain Suan verfolge sie, der männliche Tain Suan mit dem Horn“ (keso mese Tain Suan nalili`un / keso mese Tain Suan nafoftin). Ermutigt riefen daraufhin alle: „Richtig! Richtig!“, doch als die Krieger-Kopfjäger aufeinandergetroffen waren, schnitten sie Ni Tain Suan seinen Kopf ab. [5]

Daraufhin lenkte der Sonba`i ein, sprach:
„Meine besten Männer sind gefallen, ich werde den Krieg beenden. Lasst uns zusammensitzen und reden, um eine Einigung zu finden. Ich lasse euch das Gebiet, lasst uns zusammen den neuen Grenzverlauf besprechen."
Und so saßen sie zusammen, besprachen sich und diskutierten. Und Uis Amnanut zieht alle seine Krieger-Kopfjäger zusammen, Bußzahlungen zu leisten, und überreicht noni lun ika / asi toki als Tribut an den Uis Banam Nope. [6] Und so wurde die Grenze neu gezogen und auch die Buße geleistet. [7]

Für uns, die älteren Krieger-Kopfjäger (Meo Nae) treibt Ni Finit zwei Büffel heran, die leo ole usapi ole oder belo muti /smala / fain to genannt wurden (vgl. auch den Kommentar zu Vers 37 der mündlichen Dichtung).
Zusammen brechen sie auf an die Grenze, nach Ofu, um die neue Grenze offiziell einzuweihen.
Und Ni Sonba`i sprach:
„Ich geleite euch zurück nach Hause, damit du dir deinen Garten mit Zuckerrohr, einen Garten mir Bananenstauden einrichten kannst (po`an mese / uki po`an mese). Einen Hahn, der mit eine Stimme kräht, ein Feuer, dass mit einer Flamme brennt (manu han mese / ai pina mese).
Und in Klaban und Tain Lasi, und auch in Maunu und Niki Niki, erscholl ein Jubel und ein Freudenschrei (koe bako mese / baf mese). Denn nun gab es zwei Zuckerrohrgärten und zwei Bananengärten, zwei Hähne und zwei Feuer, zwei Schreie und zwei Freudenjubel.
Und der Sonba`i fuhr in seiner Rede fort:
Ich geleite euch zurück nach Hause, und gebe euch zwei Maiskolben und zwei Köpfe, nämlich die beiden Frauen Bi Tune Oematan und Bi Mana Sonba`i.“
Er nahm eine Silbermünze (noni) im Wert von neuntausend, und eine weitere im Wert von neunzig und eine letzte im Wert von neun, um uns zur Rückkehr zu bewegen, um uns nach Hause zu begleiten, damit er seinen eigenen Zuckerrohrgarten, seinen eigenen Bananengarten behalten konnte, seinen einstimmigen Hahn und seinen eigenen Jubel und Freudenschrei.
Als der Uis Amnanut nach Banam zurückkam, war er zum Keser Banam aufgestiegen, denn die Grenze war nach Molo hinein verschoben und neues Land gewonnen worden. Und zwei Frauen, zwei Allianzen, waren geschlossen, denn Bi Tune Oematan heiratete Ni Tipe Asbanu, und Bi Mana Sonba`i wurde mit Ni Sipa Fa`ot verheiratet.

Anmerkungen

[1] In der mündlichen Dichtung nennt Sapay Ni Utan als den Besitzer des Territoriums, um das Nope und Sonba`i konkurrieren, das erste Opfer des Kopfjagdunternehmens der Nope-Fraktion. Wahrscheinlich ist Utan ein Ehrenname (akun) von Oematan, was ich aber nicht bestätigen kann.
"Wir", die sich zum Krieg rüsten, sind die Krieger-Kopfjäger Banams.

[2] Die Festung des Sonba`i, Kaunik oder Bi Kaunik, befand sich wahrscheinlich im Territorium Fatu Le`u, gleich jenseits der Grenze des heutigen Kecamatan Molo Utara, in der Nähe des Desa Nuapin. Von einem mit Essen gefüllten Tuke spricht Sapay in seiner Version der Ereignisse nicht.

[3] M.L. Seo weicht mit der Nennung der Namengruppe Benu von der Version ab, die J.Ch. Sapay kurz vorher erzählt hat, was Unruhe unter den anwesenden Dichter-Sprechern in Nai Lete auslöste. Sapay erklärt in einem Interview, dass ich mit Seo nicht wiederholen konnte, sodass für seinen Fokus keine Erklärung vorliegt, dass diese Abweichung den Standpunkt von Seo ungültig macht. Dafür nennt er zwei Gründe:

  • Seo legt den Schwerpunkt der Erzählung einseitig auf Ni Benu und
  • Seos Version beschämt Ni Benu und das darf nicht sein.

Ni Benus Name, so fährt Sapay fort, lautet eigentlich Beti`, der einer der Krieger-Kopfjäger der Savanne ist (Meo Humone`). Als der Krieg gegen den Sonba`i begann, musste Beti` ständig an seine Frau denken. Er ging deshalb immer wieder nach Hause, um sie aufzusuchen, ein für einen Meo unmögliches Verhalten, da dieser rituell aufgeheizt (menas), sich für seine Frau und Gemeinschaft in einem gefährlichen Zustand befand. Der Usi Baman, also Tubani Nope, wunderte sich über Beti`s häufige Abwesenheit, und fragte nach dem Grund. Daraufhin befahl Nope, einen weiblichen Büffel zu schlachten. Das Geschlechtsteil des Büffels legte er in einen zylindrischen Behälter (tuke) und präsentierte es seinem Meo mit den Worten, dass es nun nicht mehr nötig sei, nach Hause zu gehen. Dass was er brauche, befinde sich in dem Behälter.
Während Beti` das großer Tor der Festung in Kaunik bewacht, kommt ein Hund, angelockt durch den Fleischgeruch, und holt sich den Behälter. Ni Beti` verfolgt den fliehenden Hund durch die Festung, weckt damit die Krieger-Kopfjäger des Sonba`i und macht den Angriff der Nope-Armee auf die Festung zunichte.
Dieser Vorfall führt dazu, dass Nope den Namen Beti` in Benu umwandelt, der sich nach Sapays Erklärung auf den Geschlechtsverkehr bezieht.
Die mündlichen Dichtungen thematisieren Ereignisse der regionalen Geschichte Amanubans, die insgesamt eine klanzentrische Version überliefern. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass Sapay und Seo in ihren Versionen eine jeweils andere Namengruppe favorisieren. Allerdings widerspricht sich Seo, der einmal Ni Bel, ein anderes Mal einen Hund des Sonba`i erwähnt, die sich des Behälters von Benu bemächtigen, in dem sich Essen (Version Seo) oder die Vagina eines Büffels (Version Sapay) befand. Krieger-Kopfjäger (meo, umgangssprachlich Katze) bezeichnet man auch, wenn es sich um die inferioren Krieger handelt, als meo asu, Hund, sodass ich davon ausgehe, dass es hier nicht um ein Tier handelt, dass sich des Tuke mit der Vagina des Büffels bemächtigt hat.
Die Bedeutung des Namens Benu, die Sapay als Erklärung liefert, halte ich für volkstümlich.

[4] Die aluk genannte, reich verzierte Umhängetasche, die zur Tracht des Mannes in ganz Westtimor gehört, enthält neben den Zutaten für die Betel-Zeremonie verschiedene persönliche Gegenstände. Früher wurde diese Tasche nach dem Tod des Besitzers eine Zeitlang an den Mutterpfosten (ni enaf) der Wohnung aufgehängt, um der „Seele“ des Verstorbenen einen Ort zu bieten, wo ihm kleinere Speiseopfer, besonders Betel, angeboten wurden. Die Rückkehr von Finit mit der Aluk von Oematan bedeutet dessen Tod.

[5] Sapay spricht in seiner Version von drei Opfern der Kopfjagd. Das dritte Opfer, einen gewissen Tuklau Sonba`i, erwähnt Seo nicht.

[6] Uis Amnanut, der große Herr (a=mnanu=t als Substanitiverung des Wortstamms mnanu, lang; atoin hae mnanu, Mensch mit langen Beinen, ein großer Mensch), ist eine weitere metaphorische Anrede, die in Tonis-Vorträgen für höchste politische Potentaten verwendet werden; hier für den Sonba`i.
Lelan, (ver-)sammeln, etwas zusammenziehen, sodass mehrere Seiten ihren Anteil beisteuern, um das Maß voll zu machen. In diesem Fall werden dem Sieger Nope Ländereien und ein neuer Grenzverlauf zugesprochen. Mit opat wird auf die Gegenstände hingewiesen, die als Bußleistung gegeben werden, wie beispielsweise Vieh, Silber oder Textilien; in diesem Falle Ländereien. Die Bedeutung der Formel noni lun ika / asi toki ist unklar (noni, Silber(-münzen).

[7] Seo verwendet in diesem Zusammenhang die formelhafte Wendung opat se` batan. Mit opat bezieht er sich auf die geleisteten Bußleistungen, wie bereits erläutert, se` dagegen bezeichnet das Ausreißen junger Bäume, die woanders neu gepflanzt werden. Batan ist die Bezeichnung für eine Grenze. In der Regel wurden die Grenzen zwischen den einzelnen Usiftümern, solange sie nicht ohnehin durch markante Landmarken wie Flüsse, Berge oder die Fatu genannten, bizarren Kalksteinformationen, die man in Westtimor überall vorfindet, genau bestimmt. Ebenfalls dienen Quellen und besonders auffallende Bäume, aber auch Steine oder in die Erde eingetiefte Baumstämme als künstliche Grenzmarkierungen dazu, die bis heute den Landbesitz, besonders die bebaubaren Areale, zwischen den Namengruppen verbindlich regeln.


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