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Donnerstag, 12. August 2021

Einleitung: Das Literatur-Projekt Kuan Fatu-Chronik

Mündliche Dichtung und regionale Geschichte der Atoin Meto
(Amanuban, Westtimor)

Teil Zwei

Für die
Herren des Waldes und die Krieger-Kopfjäger des Waldes
Den Vier Stieren und den vier Männern
Nämlich Ton und Finit, Babis und Sapai
Ihrem Land und ihrem See
Mae und Nai Lete, Kua Muke und Bi Taek

Dort trafen wir uns und dort versammelten wir uns
Dort nahmen sie mich auf ihren Schoß und hoben mich auf ihren Arm


Bei der Kuan Fatu-Chronik handelt es sich um eine Sammlung mündiicher Dichtungen aus dem Regierungsbezirk Südzentraltimor (Indonesien), genauer aus Süd-Amanuban, einer hügeligen Waldlandschaft, die von ihren Bewohnern Lamu genannt wird. Die Dichtungen der Kuan Fatu-Chronik, die ich erstmals 1991 und 1992 in Amanuban dokumentiert habe, bewahren die regionale Geschichte einiger Klan-Gruppen (kanaf) der Atoin Meto in Kuan Fatu, einem indonesischen Flächendorf, dass aus mehreren Weilern besteht, die seit Jahrhunderten den Siedlungraum Lamu ausmachten. Die neun Dichtungen aus Amanuban bilden nicht die Geschichte Amanubans ab. Sie stellen lediglich eine klanzentrische Version dar, neben der weitere, konkurrierende Versionen existieren. Das wichtigste Thema dieser Verse besteht in der Tradierung territorialer und politischer Strukturen, Gebietsgrenzen sowie der Besitzrechte an Territorien. Insbesondere erinnern sie an die Akteure auf der historischen Bühne Kuan Fatus und die mit ihnen agnat und affinal verbündeten sozialen Abstammungsgruppen.

Den ersten Teil der Kuan Fatu-Chronik habe ich 1999 im Dietrich Reimer Verlag Berlin, mit dem Untertitel Form und Kontext der mündlichen Dichtung der Atoin Meto publiziert, der mittlerweile vergriffen ist. Wie dieser Untertitel erläutert, handelt es sich bei der Print-Ausgabe meiner Forschungen um die grundlegende Analyse dieser ostindonesischen Dichtung, die Fragen der Grammatik und Versbildungstechnik ebenso berücksichtigt, wie ethnologische und historische Implikationen. Aus Gründen der wissenschaftlichen Themenstellung behandelt der erste Teil der Kuan Fatu-Chronik nur eine einzige Dichtung, nämlich den Abi Loemnanu-Krieg.
Nachdem der erste Teil die grundlegende Analyse einer mündlichen Dichtung der Kuan Fatu-Chronik enthält, fasst der vorliegende Weblog nun abschließend die noch verbleibenden acht Texte der Chronik zusammen. Jede einzelne Dichtung präsentiere ich in zwei unterschiedlichen Versionen: im Orignal mit freier Übersetzung ins Deutsche, der besseren Lesbarkeit wegen, versehen mit umfangreichen Kommentaren zu wichtigen Aspekten, sowie einer umgangsprachlichen Nacherzählung, ohne die ein Verständnis der minimalistischen, strikt kontextbezogenen Texte für Außenstehende kaum zu verstehen sind. Die folgende Aufzählung listet die einzelnen Dichtungen auf, ohne den Korpus an einführenden Texten im einzelnen zu erwähnen, die der Navigationsleiste zu entnehmen sind:



Der große Lopo in Nai Lete, Ort des Historikerseminars im April 1992


Einen ersten orientierenden Überblick über den Kontext der Dichtungen der Kuan Fatu-Chronik bietet ein Satz von einleitenden Texten, die in der obigen Übersicht nicht enthalten sind. Auf unterschiedliche Weise befassen sie sich mit charakteristischen Aspekten der mündlichen Dichtung und regionalen Geschichte Südamanubans:


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Mittwoch, 11. August 2021

Die Magie von Kamm und Flöte: Ein Epilog


Was ist erforderlich, um das Fremde angemessen darzustellen? Hubert Fichte ist davon überzeugt, dass jede Erfahrung mehr aufnimmt, als sich an einem Ort abbildet. Jede Erfahrung knüpft auch an frühere Erinnerungen an: Bilder, Vor-Bilder, Wege, Bewegungen. Aber wie verhält es sich, wenn etwas weder das eine noch das andere ist? Weder vertraut noch fremd, weder gewiss noch unsicher. Kann ich mich auf meine Wahrnehmung verlassen, wenn meine Wirklichkeit eine Konstruktion ist? Was kann ich wissen, was glauben. Oder: Woran muss ich zweifeln?

Es geschah an einem meiner letzten Tage in Soë. Jedenfalls in der letzten Woche. Kurz vor meinem Abflug nach Bali. Eines Morgens steht Sapay unerwartet vor der Tür. Es ist noch früh. Für mich, weniger für ihn. Er war schon einige Stunden unterwegs und hat sein Haus in Nakmofa schon vor Sonnenaufgang verlassen. Ich muss unbedingt noch jemanden kennenlernen, drängt er mich. Jemand wichtigen! Einen Mann! Er wohnt ganz in der Nähe, am Ende der Ahmed Yani, wo es zu den Bungalows der Provinzregierung hinaufgeht.
Meine Arbeit in Amanuban war beendet. Meinen Abschied hatte ich vor einer Woche aufwändig zelebriert. Alle waren gekommen. Reden und Geschenke wurden ausgetauscht. Ein Schwein wurde geschlachtet und gegessen. Und vieles mehr. Der Abschied vollendet. Was blieb war ordnen, packen, abreisen. Ob ich will oder nicht. Der neue Beamte im Kantor Imigrasi in Kupang hatte ein Machtwort gesprochen. Über meine Wünsche hinweg, meine Beziehungen ignorierend, jeden meiner Freunde in Amanuban beleidigend. Er war Javaner. Und das reichte. Wäre ich nicht Deutscher, sagte er, würde er mir Schwierigkeiten machen, die ich nicht vergäße.

Sonntag, 1. August 2021

Ein unerwartetes Ende


Mein Empfang in Noe Muke

Es geschah im Mai 1992, möglicherweise auch etwas früher. Die Regenzeit ging zu Ende, war vielleicht auch schon vorüber. Das Historiker-Seminar in Nai Lete, von dem bisher die Rede war, lag Wochen zurück, die Übersetzung der Texte und die exegtischen Interviews waren abgeschlossen. Doch J.Ch. Sapays Ambitionen und Pläne gingen darüber hinaus. Ein zweites Seminar schwebte ihm vor, ähnlich dem bereits abgeschlossenen Projekt, und ich selbst war begeistert von dem Gedanken, dass es weitergehen würde. Sapai und ich fuhren mit dem Motorrad nach Noe Muke in Südamanuban. Wir mussten einen Fluss queren, das Wasser stand uns bis an die Knie, und der Boden war von Löchern und Steinen übersät, sodass ich befürchtete, im nächsten Moment zu stürzen. Ich kam mit triefend nassen Hosenbeinen und Schuhen in den Ort. Sapai hatte Flip Flops an den Füßen, denen das Wasser nichts ausmachte, und seinen Mau auf die Oberschenkel hochgezogen. Die Kirche war gefüllt, uns erwartete ein zahlreiches Publikum, denn unser Kuan Fatu-Projekt war im Süden Amanubans ein Gesprächsthema.

Mittwoch, 14. Juli 2021

Landnahme in Kuan Fatu - Die Erzählung


Vorbemerkung

Die folgende umgangssprachliche Erzählung bildet den Kommentar zu der gleichnamigen Dichtung Landnahme in Kuan Fatu. In seiner Rede erinnert J.Ch. Sapay an die Ankunft von vier prominenten Namengruppen - Na`at, Sakan, Nubatonis und Bianome - im Lamu sowie an die Vergabe von Lehen durch den Meo Nae Sole. In seiner umgangssprachlichen Nacherzählung weicht er an einigen Stellen von seiner Tonis-Darstellung ab, wie üblich für diese, allein für das Verständnis Außenstehender verfassten Texte, ergänzt sie aber um einige wichtige Details. Dieser Text ist der letzte der Kuan Fatu-Chronik, der im Rahmen des Historiker-Seminars in der Nacht zum 14. Februar 1992 in Nai Lete vorgetragen wurde. Eine weitere Tonis-Dichtung, die J.Ch. Sapay eine Woche später in Noe Muke vor großem Publikum vortrug, und die die Beziehungen zwischen Kuan Fatu und Noe Muke thematisierte, konnte wegen der Intervetion der indonesischen Administration, die dazu führte, dass meine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr verlägnert wurde, weder abgeschlossen noch ausgewertet werden.

Donnerstag, 6. Mai 2021

Die Keile und Stäbe des Waldes - Die Erzählung


Vorbemerkung

In dieser umgangssprachlichen Erzählung, die einen Kommentar zu der gleichnamigen Dichtung Lasi Meo Lamu bildet, erinnert Leni Musa Seo an wichtige Verbündete des Meo Nae Ni Sole. Die Personen, die er nennt, waren Krieger-Kopfjäger der politischen Organisation Kuan Fatus, militärische Funktionäre. Sie tragen diese Vergangenheit mit Stolz und sind sich dieses Amts und Titels auch im modernen Amanuban noch sehr bewusst. Seo bezeichnet sie als amaf, Würdenträger der mittleren administrativen Hierarchie. Metaphorisch nennt er sie Stütze und Stab von Ton und Finit, Babis und Sapai in Nai Lete. In der umgangssprachlichen Nacherzählung weicht er von seiner Tonis-Darstellung ab, wie üblich für diese, allein für das Verständnis Außenstehender verfassten Texte, ergänzt diese aber auch um einige wichtige Details.

Der Krieger-Kopfjäger Ni Tabun: Vers 9 - 26

Früher schlossen unsere Grenzen, unsere Grenzmarkierungen, Ni Tabun und Ni Leni Besi mit ein, am Fuß des Flusses, am Kopf des Flusses, wo die beiden zusammentrafen. Damit er im Zentrum wohnen kann, in der Mitte, bis an den Fuß des Flusses, am Kopf des Flusses, sind wir die beiden Stäbe, die beiden Widerstände. Deshalb nahmen unsere Väter, die vier Stiere und die vier Männer in Mae und Nai Lete, in Kua Muke und Bi Taek, nämlich Ton und Finit, Babis und Sapai, sie auf ihren Rücken und hoben sie auf den Schoß, bedeckten sie, und hielten sie in ihren geschlossenen Händen, damit sie die zwei Stäbe und die zwei Köpfe wurden.

Freitag, 16. April 2021

Die Keile und Stäbe des Waldes - Die Dichtung



Vorbemerkung

Die Tonis-Dichtung Lasi Meo Lamu erzählt von bedeutenden Krieger-Kopfjägern des Lamu, ihrer Herkunft sowie ihrer Beziehung zu Sole Le`u und der herrschenden Klasse von Kuan Fatu. Sie erinnert an Ni Tabun, Ni Seo, Ni Baefeto und Ni Tkela.
Leni Musa Seo trug diese Dichtung in der Nacht vom 14. Februar 1992 unter dem großen Lopo von Nai Lete vor. Anders als die Tonis-Dichtungen von J.Ch. Sapay, die umfangreicher und detailreicher sind, komponiert Seo minimalistische Texte, die sich auf Wesentliches konzentrieren. Es besteht ein charakteristischer Unterschied zwischen den Stilen der beiden Dichter-Sprecher: Der größere Detailreichtung der Dichtungen Sapays machen das Verständnis leichter, während Seos Texte insgesamt esoterischer wirken und ein erheblich umfangreicheres Vorverständnis des Publikums voraussetzen. Dies zeigt sich schon auf den ersten Blick: Seo kommt für die Präsentation seiner Inhalte mit weitaus weniger Versen aus als Sapay. Seine Aussagen sind klarer und schnörkellos, während Sapay mit eingefügten, zusätzlichen Erklärungen arbeitet, wodurch seine Texte oft doppelt so lang werden wie die seines Kollegen. Dieser Unterschied liegt vor allem an der verschiedenen Sozalisation und Ausbildung beider Dichter-Sprecher. Sapay, der Autodidakt, mit höherer Schulbildung und Lehrerberuf, sowie einem Berufsleben in der indonesischen Bürokratie mit vielfältigen Kontakten in die Provinzhauptstadt Soë, Seo, der Analphabet mit seiner Funktion als Mafefa in der informellen politischen Organisation Kuan Fatus, und einem Leben im Umfeld dörflicher und bäuerlicher Strukturen.

Dienstag, 17. November 2020

Der Fürst im Lamu - Die Erzählung


Vorbemerkung

Die umgangssprachliche Erzählung über Nai Lobis Nope, dem Usif Bi Lamu, wurde in der Nacht des 13. Februars 1992 während des ersten Historiker-Seminars in Nai Lete, Kuan Fatu, von J.Ch. Sapay vorgetragen. Der Text folgt weitgehend der gleichnamigen Tonis-Dichtung. Beide Textsorten erzählen die gleiche Geschichte, weichen jedoch geringfügig voneinander ab. Die umgangssprachliche Erzählung dient in diesem Zusamenhang dem bessereren Verständnis der minimalistischen Versbildung.

Nai ist die respektvolle Anrede für Mitglieder der herrschenden Klasse, vergleichbar dem europäischen Sir für Ritter oder ähnliche Würdenträger der Aristokratie (vgl.a. Tetun rai, Erde). Im Gegensatz dazu werden Honoratioren mit dem Titel Ni angesprochen, der dem Eigennamen vorausgeht.

Lobis Nopes Ankunft im Lamu

Früher bildeten Ton und Finit, Babis und Sapai, mit dem Feto Nae eine Einheit, nämlich mit Tino und Finit, mit Toni und Boni. Gemeinsam sorgten die Feto Nae für die jährlichen Erntetribute (poni ma bo): für das mit Reis gefüllte Palmblattpäckchen (flol pis tele), das Schwein mit dem menschlichen Körper (faif ao atoni), für Gartenfrüchte im Überfluss (nensa ma pehe) sowie für Körbchen voll mit Betel (kabin ma mama). Die Areka- und Kokosnusssprösslinge, die kleine Luangbanane und das große Zuckerrohr, all dies trugen sie auf Kopf und Schulter in Nopes Palast nach Niki Niki. Mit diesen Gaben ernährten und fütterten sie unseren Herrn und unseren Herrscher, unsere Mutter und unseren Vater Ni Koli, Ni Toli, Ni Amu, Ni Nope, Ni Nuban und Ni Toi, in Klaban und Tain Lasi, Maunu und Niki Niki.

Dienstag, 1. September 2020

Der Fürst im Lamu - Die Dichtung


Vorbemerkung

Die Tonis-Dichtung Usif Bi Lamu (oder der Boimau-Krieg, Makenat Boimau) überliefert einen Konflikt zwischen Uis Banam Nopes Sohn Lobis, der als Repräsentant seines Vaters in den Lamu kam, dort nach Kualin heiratete und von Klis Boimau, einem seiner Feto Nae, ermordet wurde. In dieser Zeit war Bil Nope Uis Banam. Die Nope-Genealogie führt den Namen Bil zweimal auf: Seo Bil in der dritten (spätes 17. Jahrhundert) und Bil in der elften Generation (um 1906 nach A. McWilliam), sodass ich mir nicht ganz sicher bin, um welchen Bil es sich in dieser Überlieferung handelt. Da Seo Bil der Vater von Tubani ist, der die Expansionskriege zur Vergrößerung Banams führte, handelt es sich in dieser Überlieferung sehr wahrscheinlich um den Bil Nope, der Anfang des 20. Jahrhunderts der Uis Banam war. Die auf Boimaus Attentat folgende Auseinandersetzung endete auch für die Herren von Kuan Fatu fatal und führte zu ihrer zeitweisen Vertreibung über den Noel Mina.
J.Ch. Sapay trug diese Überlieferung in der Nacht des 13. Februars 1992 während des ersten Historiker-Seminars in Nai Lete, Kuan Fatu, vor. Die Übersetzung dieser mündlichen Dichtung ins Deutsche ist, wie bisher gehandhabt, ebenfalls keine Interlinear-, sondern eine freie Übersetzung, die dem Fluß der Erzählung und der besseren Lesbarkeit den Vorzug vor einer sprachwissenschaftlichen Analyse gibt. Exemplarisch habe ich eine Tonis-Dichtung der Atoin Meto - Der Abi Loemnanu-Krieg - in Die Kuan Fatu-Chronik wissenschaftlich bearbeitet.

Freitag, 10. Juli 2020

Ni Neno Geschichte - Die Erzählung


Vorbemerkung

Die kanafzentrische, regionalhistorische mündliche Dichtung der Migration der Neno-Namengruppe präsentiere ich, wie jede andere aus aus Kuan Fatu auch, in zwei unterschiedlichen Textsorten. Allerdings weicht die folgende, umgangssprachliche Erzählung der Geschichte Nenos von J.Ch. Sapay, die er am 9. Februar 1992 gleich im Anschluss an Seos Dichtung vortrug, gleich zweimal von dessen Version ab, wie ich bereits in Kommentaren der poetischen Version erwähnt habe: in der Erzählung von Nenos Sieg am Tapan und der dritten Migration nach Kuan Fatu

Ni Nenos Geschichte

Früher hatte Ni Neno einen Großvater und lebte im Weiler Benu am Fuß des Mutis, im Land Molo, im zentralen Bergland Westtimors. Damals erinnerte Ni Neno sich und schaute hinunter in den Lamu, wo es freies Land (pah) im Überfluss gab. Dort wollte er siedeln und seinen eigenen Anteil (nama`) erwerben. Damit seine Lineage auf eigene Weise leben (taos), und seine Nachkommenschaft gedeihen kann (mahonin). Dort gab es kundige Männer, die Regen rufen und das Land fruchtbar machen konnten.
Zuletzt brachen Nai Kius Pitae und Nai Lil Mata Kbeti auf und machten sich auf den Weg nach Süden. Sie kannten die Adat (lasi) und kamen nicht heimlich, und erst recht nicht durch die Hintertür zu unserem Herrn und Herrscher, zu unserer Mutter und zu unserem Vater Ni Koli, Ni Toli, Ni Amu, Ni Nope, Ni Nuban und Ni Toi, die in Klaban und Tain Lasi, in Maunu und Niki Niki in ihrem Palast und in ihrer Residenz lebten.

Samstag, 13. Juni 2020

Ni Nenos Geschichte - Die Dichtung


Vorbemerkung

Die Tonis-Dichtung, die Ni Nenos Geschichte (Lasi Ni Neno) erzählt, überliefert die Migration der Namengruppe Neno aus Nunbela in Molo in den Lamu nach Südamanuban. Sie handelt von der Herkunft Nenos, eines Vasalls der herrschenden Klasse des feudalen, vorindonesischen Kuan Fatus, und deren Schwierigkeiten sich im Lamu anzusiedeln, aber auch von seiner herzlichen Aufnahme durch die Herren des Bodens, die wiederholten Versuche eine neue Heimat zu finden und letztlich die Ansiedlung und politische Allianz mit der rituell-politischen Konförderation, die in den Kuan Fatu-Dichtungen durch Ni Sole repräsentiert wird. Musa Leni Seo hat diese Version am 13. Februar 1992 in Nai Lete, Kuan Fatu, vorgetragen.
Lasi ist ein nicht eindeutig zu übersetzendes Lexem, zu vielfältig ist das Zusammentreffen unterschiedlicher Bedeutungen, die eng miteinander verbunden sind. So ist es für Einheimische und auch für Fremde erforderlich, die jeweilige Bedeutung von lasi kontextuell zu erschließen. Das auffälligste Merkmal dieses schillernden Begriffes ist der formelle Charakter derjenigen Situationen, die als lasi gelten. In diesem Rahmen bildet lasi eine Kategorie, die rituelle Situationen, Sitten und Gebräuche bezeichnet, eben alles, was die Atoin Meto als traditionell (meto, einheimisch) auffassen, historische Überlieferungen, soziale und politische Ordnungen, rechtliche Sachverhalte sowie durch Gewohnheit entstandene Konsensualisierungen, aber auch die Gültigkeit von Überzeugungen. Lasi oder lais meto ist insofern mit dem panindonesischen Konzept der Adat identisch.

Samstag, 9. Mai 2020

Das Land Kuan Fatu - Die Dichtung


Vorbemerkung

In der Nacht zum 12. Februar 1992 komponierte J.Ch. Sapay unter dem großen Lopo in Nai Lete eine Versdichtung, deren Thema die territoriale, politische Struktur von Kuan Fatu und dem benachbarten Noe Muke (Pah Kuan Fatu ma Noe Muke). In 234 Versen beschrieb er die Territorialgrenzen und die politischen Gruppen (kanaf, Namengruppe), die dieses Territorium kontrollierten.
Das vorindonesische, feudale Amanuban (Banam) war politisch in eine Vielzahl von Staatsdomänen (domininum, state domain) gegliedert, jedes von ihnen bildete die Gesamtheit der zu dem einzelnen politischen System gehörenden Ressourcen, kleinere Sub-Domänen (Usiftum), die in nachbarschaftlicher Konkurrenz verbunden waren. In Bezug auf Banam (ager publicus) gehörte auch die der Aristokratie untergeordnete Bevölkerung dazu. Ein solches Dominium war Privateigentum der herrschenden Klasse des Atoin Meto-Adels (ager privatus), das heißt, sie konnten über die Staatsdomäne wie ihren Privatbesitz verfügen. Die Domänenländereien überließen sie den Bauern, die sie für jährliche Tributzahlungen bewirtschafteten.

Dienstag, 28. April 2020

Der Sonba`i-Krieg - Die Erzählung


Vorbemerkung

Die mündliche Dichtung über den Krieg, den Tubani Nope gegen den Sonba`i führte (Makenat Sonba`i), den Herrscher in Molo und Miomafo, Pai Neno und Oenam, bildet in den Überlieferungen der Kuan Fatu-Chronik den dritten Expansionskrieg zur Gründung des vorindonesischen Banams. Musa Leni Seo hat die Tonis-Dichtung dieser Überlieferung in der Nacht zum 11. Februar 1991 im großen Lopo von Nai Lete, Kuan Fatu, Südamanuban, als eine umgangssprachliche Erzählung zusammengefasst, als einfache Geschichte, die es dem uneingeweihten Leser erleichtert, den Inhalt der gleichnamigen Dichtung von J.Ch. Sapay besser zu verstehen. Bei dem Vergleich der beiden Versionen fallen Widersprüche auf, die an entsprechender Stelle kommentiert werden. Diese Widersprüche werfen aber ein interessantes Licht auf die Entstehung regional historischer Überlieferungen im oralen Kontext, die immer nur als klanzentrische Versionen existieren, und da sie nur in der Situation des Vortrags existieren, nicht widerholbar sind. Keine Version gleicht ganz genau der anderen, selbst die nicht, die vom selben Dichter-Sprecher zum selben Thema zu einer anderen Zeit komponiert wird.

Samstag, 25. April 2020

Der Sonba`i-Krieg - Die Dichtung


Vorbemerkung

Die mündliche Dichtung über den Krieg, den Tubani Nope gegen den Sonba`i führte (Makenat Sonba`i), den Herrscher in Molo und Miomafo, Pai Neno und Oenam, bildet in den Überlieferungen der Kuan Fatu-Chronik den dritten Expansionskrieg zur Gründung des vorindonesischen Banams. Vorgetragen wurde diese Dichtung von J. Ch. Sapay in der Nacht zum 11. Februar 1991 im großen Lopo von Nai Lete, Kuan Fatu, Südamanuban.

Dienstag, 31. März 2020

Die Grenze zwischen Kuan Fatu und Lasi - Die Erzählung


Vorbemerkung

Die Tonis-Dichtung Meo Nae ma Meo Kliko behandelt den Grenzverlauf der beiden Lehen, die Mnanu und Pilis Sole sowie Kaba Nabuasa` nach dem Abi Loemnanu-Krieg zugewiesen bekam. Vorgetragen wurde diese umgangssprachliche Erzählung in der Nacht zum 9. Februar 1992 in Nai Lete, Kuan Fatu, in Südamanuban, von Musa Leni Seo, dem Mafefa von Ch.Z. Babys.

Die Grenze zwischen Kuan Fatu und Lasi

Nachdem Tubani Nope die Expansionskriege gegen Abi Loemnanu im Westen und Kolo Banunaek im Süden Banams erfolgreich für sich entscheiden konnte, schickte er Ni Lape Isu, um seine loyalen Vasallen Sole und Nabuasa` mit Ländereien zu belohnen. Als die Nai Lamu aufgefordert wurden, sich im Sonaf in Niki Niki zu versammeln, um sich an der Entscheidungsschlacht gegen Abi Loemnanu am Bia Moko zu beteiligen, wurde diese Mobilmachung ebenfalls von Ni Isu vom Ayo Toen aus verkündet, einem Hügel in der Nähe des heutigen Panan. Dies war der erste Ruf, der von Ayo Toen ausging, und jetzt, nach dem Sieg über Abi Loemnanu, wurde vom Ort der ersten Mobilmachung aus auch das Territorium unter die Sieger aufgeteilt. Die Nai Lamu Meo Lamu wurden durch die beiden Namengruppen Sole (Meo Nae) und Nabuasa` (Meo Kliko) repräsentiert.

Mittwoch, 25. März 2020

Die Grenze zwischen Kuan Fatu und Lasi - Die Dichtung


Vorbemerkung

Die historische Überlieferung der Atoin Meto in Amanuban bewahren Spezialisten (mafefa, der einen Mund besitzt) in Form konkurrierender Versionen regionaler Geschichte (tonis), die gleichzeitig ethnische und Klanidentität stabilisieren und sichern. Im Verlauf geredeter Rituale (rituals of oration; James J. Fox, 1979) komponiert der Mafefa komplexe Dichtungen (tonis) aus dem Stegreif, die in dieser Form nicht wiederholbar sind.
Die folgende Tonis-Dichtung (Meo Nae ma Meo Kliko), die Musa Leni Seo im 7. Februar 1992 in Nai Lete, Kuan Fatu, vortrug, behandelt die Landmarken der Territorien von Sole, dem Meo Nae Baman in Kuan Fatu und Nabuasa`, einem der drei Meo Kliko Banam in Lasi. Diese beiden Namengruppen (kanaf) repräsentieren, einst wie heute, die politische Elite dieser beiden politischen Territorien in Südamanuban.
Im Kontext der Dichtungen der Kuan Fatu-Chronik nimmt dieser Text eine besondere Position ein, behandelt er doch das Thema, das überhaupt erst zur Dokumentation der mündlichen Dichtungen aus Kuan Fatu führte, ein konstruktives Missverständnis die Hierachie der vier Großen Krieger-Kopfjäger (Meo Naek Banam) betreffend. Meine Verwechslung von naek (groß) und nae (älter in der Geschwisterreihe), und meine Bezeichnung von Nabuasa` als Meo Nae, und nicht als Meo Naek, motivierte Charles Zeth Babys aus Oebesa, Soë, den berechtigten Titelinhaber des ältesten der Meo Naek Banam, dazu, die regionale Geschichte Kuan Fatus in neun Dichtungen von den Männern seiner inoffiziellen, politischen Administration erzählen zu lassen, die über die entsprechenden Kompetenzen verfügten.

Montag, 23. März 2020

Der Kolo Banunaek-Krieg - Die Erzählung


Vorbemerkung

Ein charakteristisches Merkmal einer Tonis-Dichtung ist ihre Kontextorientierung, die es mit sich bringt, dass der Dichter-Sprecher in der Komposition seiner Verse mit Andeutungen auskommt. Er kann sich darauf verlassen, dass sein Publikum ihn auch ohne umfangreiche Erläuterungen versteht. Für Außenstehende ist dies aber nicht der Fall, da er die Geschichte hinter der Geschichte, die erzählt wird, nicht versteht. Um diese Situation zu umgehen, wurde jede Tonis-Dichtung im Anschluss an ihren Vortrag umgangssprachlich als einfache Erzählung wiederholt. Die anschließende, prosaische Erzählung vom Krieg gegen Kolo Banunaek erzählte J.Ch. Sapay in der Nacht vom 9. Februar 1992 in Nai Lete.

Der Krieg gegen Uis Kolo Banunaek

Vor vielen Generationen wurden die Herren des Waldes und der Savanne (Nai Lamu Humone`) und ihre politischen Funktionäre (Amfini) von Tubani Nope, dem Uis Banam, ihrem Herrn und Herrscher, ihrer Mutter und ihrem Vater in seinem Sonaf in Niki Niki versammelt. Ni Koli, Ni Toli, Ni Amu, Ni Nope, Ni Nuban und Ni Toi hatten beschlossen einen Sona Bano in Klaban und Tain Lasi, in Maunu und Niki Niki zu errichten.

Samstag, 21. März 2020

Der Kolo Banunaek-Krieg - Die Dichtung


Vorbemerkung

Feldforschungen erreichen nur dann ihr Ziel, wenn es dem Ethnologen gelingt, sich auf seine Gastkultur einzulassen. Erst wenn vorformulierte Thesen angesichts einer fremden Realität zerbrechen, und die Distanz dem Ethnologen unerträglich wird, ist er mit Situationen, Begegnungen und Sachverhalten konfrontiert, die er, noch in seine akademische Welt eingebunden, weit von sich gewiesen hätte.
Von der Dokumentation indigener Tracht und textiler Ikonographie bis hin zur Untersuchung ritualisierten Sprechens und epischer Dichtung musste ich einen weiten Weg zurücklegen. Wer diesen Weg in Ostindonesien geht, erkennt, dass epische Dichtung und textile Motivik symbolische Kommunikationssysteme sind, die sich in den Ritualen des Lebenszyklus mannigfaltig miteinander verschränken.
Außer der Tonis-Dichtung Der Abi Loemnanu-Krieg, der 1999 in Buchform erschienen ist, besteht die Kuan Fatu-Chronik aus acht weiteren Dichtungen, die in den Nächten vom 7. bis zum 14. Februar 1992 in Nai Lete vorgetragen wurden. Die Reihenfolge der einzelnen Dichtungen ist nicht zufällig oder willkürlich so entstanden. Die regionale Geschichte der Atoin Meto kennt keine Zeitrechnung westlicher Geschichtsüberlieferung und auch keine absolute Chronologie. Ihr historisches Bewusstsein ist von einem früher oder später geprägt, unabhängig davon, wie viele Jahre oder Generationen die einzelnen Ereignisse trennen. Der Grenzverlauf zwischen Kuan Fatu und Lasi wurde nach dem Kolo Banunaek-Krieg festgelegt und Ni Neno erreichte den Lamu erst nach dem Sonba`i-Krieg, und als Lobis Nope versuchte, seine Herrschaft auf den Lamu auszudehnen, war Neno schon lange anwesend. Nur so viel ist sicher, die Ereignisse, die in der Kuan Fatu-Chronik überliefert werden, fanden irgendwann zwischen dem späten 17. und 19. Jahrhundert statt, soweit die dynastischen Listen der Herrscherdynastien von Nope und Sole-Babis zuverlässig sind.

Dienstag, 10. März 2020

Der Abi Loemnanu-Krieg - Eine Analyse


Mündliche Dichtung und regionale Geschichte in Westtimor [1]


Vorbemerkung

Die mündliche Dichtung über den Abi Loemnanu-Krieg (Makenat Abi Loemnanu) wurde am 9. Februar 1992 von J.Ch. Sapay in Nai Lete, Kuan Fatu, in Südamanuban vorgetragen. Die Tonis-Dichtung über diese militärische Auseinandersetzung, die vor nunmehr fünfzehn Generationen stattfand, irgendwann im späten 17. Jahrhundert, präsentiere ich an dieser Stelle nur kursorisch. Ausführlich bearbeitet und dokumentiert findet sie der interessierte Leser in meiner Dissertation von 1999: Die Kuan Fatu-Chronik. Form und Kontext der mündlichen Dichtung der Atoin Meto (Amanunban, Westtimor). Meine Online-Publikation weiterer mündlicher Dichtungen aus Kuan Fatu folgt der Argumentation der grundlegenden Untersuchung dieses ostindonesischen, literarischen Genres. Nur gelegentlich komme ich in der Fortsetzung der Kuan Fatu-Chronik, allerdings nicht umfänglich, auf dort vertretene Thesen, auf Erläuterungen zu den Übersetzungen der Verse, die ich aus Verständnisgründen gelegentlich sehr frei ins Deutsche übersetzen musste, sowie auf die kulturellen Hintergründe zurück.

Montag, 9. März 2020

Der Abi Loemnanu-Krieg - Eine Synopsis


Vorbemerkung

Die Tonis-Dichtung Makenat Abi Loemnanu der Kuan Fatu-Chronik ist die erste von insgeamt neun weiteren mündlichen Dichtungen, die die regionale Geschichte der Atoin Meto in Kuan Fatu, Südamanuban, thematisiert. In meiner Dissertation habe ich die Abi-Dichtung exemplarisch genutzt, um Form und Inhalt dieses literarischen Genres zu analysieren. Im Gegensatz zu den anderen acht Dichtungen aus Kuan Fatu, die in diesem Weblog vollständig publiziert sind, enthält dieser Blog nur eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse meiner Dissertation. Die vollständige Dichtung über den Abi-Krieg liegt nur in der Print-Ausgabe Die Kuan Fatu-Chronik vor. In dieser berichtet J.Ch. Sapay vom ersten Expansionskrieg Tubani Nopes gegen den autochthonen Herrscher Abi Loemnanu, mit dem Ziel, Banam, das heutige Amanuban unter seiner Herrschaft zu vereinen. Aufgrund von in Die Protagonisten der Kuan Fatu-Chronik geschilderten historischen und biographischen Details, ist dieser Krieg für die herrschende Elite der vor-indonesischen Domäne Kuan Fatu relevant.
Die in dem Weblog Seine Rede ist nicht irgendeine publizierten Dichtungen kommen gelegentlich auf die hier geschilderten Ereignisse zurück, ohne die handelnden Protagonisten biographisch als Individuum zu fassen. Soweit ein solches Unternehmen überhaupt gelingen kann, habe ich versucht in Die Protagonisten der Kuan Fatu-Chronik ihre Biographien aus den Texten und exegetischen Interviews zu rekonstruieren.

Eine Synopsis

In den Tagen, in denen Uis Banam Tubani Nope sein Machtzentrum noch in Tunbes hatte, dem heutigen Ostamanuban, entschied er sich, den rechtmäßigen Herrscher im Süden und Westen Banams, Abi Loemnanu, anzugreifen und zu vertreiben.

Sonntag, 8. März 2020

Die mündlichen Dichtungen aus Kuan Fatu

Die Atoin Meto in Amanuban, Westtimor, verwenden in ihren Ritualen eine literarische Form der Rede, die für andere Kulturen Ostindonesiens ungenau als ritual language bezeichnet wurde. Thematisch beziehen sich die von mir Tonis genannten Dichtungen der Atoin Meto auf historische Überlieferungen einzelner Namengruppen (kanaf), durch die diese ihre gemeinsame Identität begründen, stabilisieren und bewahren. Die mit Abstand wichtigsten Themen erläutern die Herkunft von Namengruppen sowie deren gegenseitige Beziehungen, den Ursprung und die Berechtigung der bestehenden sozialen und politischen Ordnung sowie die Beziehungen dieser Gruppen zu ihrem Siedlungsraum.